Aphasie nach einem Schlaganfall – helfen, ohne dem Menschen die Worte abzunehmen
Nach einem Schlaganfall kann sich etwas verändern, das vorher selbstverständlich war: Ein Mensch weiß vielleicht, was er sagen möchte, findet aber das richtige Wort nicht. Ein Satz beginnt – und bleibt plötzlich stehen.
Für Angehörige ist der Impuls verständlich, sofort zu helfen, das fehlende Wort zu ergänzen oder einen Satz zu Ende zu sprechen. Doch gute Unterstützung bedeutet bei einer Aphasie nicht, die Kommunikation zu übernehmen.
Oft geht es vielmehr darum, Zeit zu geben und neue Wege für ein Gespräch zu ermöglichen.
Was bedeutet Aphasie?
Eine Aphasie ist eine erworbene Sprachstörung. Sie kann beispielsweise nach einem Schlaganfall oder einer anderen Schädigung des Gehirns auftreten.
Je nach betroffenen Hirnbereichen und individueller Situation können unterschiedliche sprachliche Fähigkeiten eingeschränkt sein.
- Wörter lassen sich schwer finden.
- Sätze können unvollständig oder verändert sein.
- Gesprochene Sprache wird möglicherweise schlechter verstanden.
- Lesen oder Schreiben können beeinträchtigt sein.
Deshalb gibt es nicht „die eine“ Aphasie. Die Auswirkungen können von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein.
Sprachprobleme bedeuten nicht automatisch eingeschränktes Denken
Ein besonders wichtiges Missverständnis betrifft die geistigen Fähigkeiten eines Menschen.
Wer nach einem Schlaganfall langsam spricht, Wörter verwechselt oder längere Zeit für eine Antwort benötigt, ist deshalb nicht automatisch weniger intelligent.
Nach einem Schlaganfall können zwar zusätzlich kognitive Veränderungen auftreten. Aus einer Sprachstörung allein lässt sich jedoch nicht auf die Intelligenz eines Menschen schließen.
Deshalb sollte ein erwachsener Mensch mit Aphasie weiterhin als erwachsenes Gegenüber angesprochen und ernst genommen werden.
Zeit kann eine der wichtigsten Hilfen sein
Wenn ein Wort nicht sofort kommt, muss eine Pause nicht sofort ausgefüllt werden.
Oft hilft es, einige Sekunden zu warten und aufmerksam zu bleiben.
Bevor ein Angehöriger einen Satz ergänzt, kann er fragen:
„Soll ich dir helfen?“
So entscheidet die betroffene Person selbst, ob Unterstützung gerade hilfreich ist.
Eine ruhige Umgebung erleichtert Gespräche
Fernseher, Radio, mehrere gleichzeitig sprechende Personen und häufige Unterbrechungen können Kommunikation zusätzlich anstrengend machen.
Eine ruhige Umgebung und eine kleine Zahl von Gesprächspartnern können deshalb hilfreich sein.
Auch kurze und klare Sätze erleichtern manchen Menschen mit Aphasie das Verständnis.
Dabei sollte die Sprache trotzdem natürlich und erwachsen bleiben. „Babysprache“ ist keine geeignete Form der Unterstützung.
Fragen konkret stellen
Sehr offene Fragen können sprachlich anspruchsvoll sein.
Statt beispielsweise zu fragen:
„Was möchtest du heute Nachmittag machen?“
kann eine konkrete Auswahl leichter sein:
„Möchtest du spazieren gehen oder zu Hause bleiben?“
In bestimmten Situationen können auch Ja-Nein-Fragen hilfreich sein.
Das Ziel besteht dabei nicht darin, den Menschen zu testen. Es geht darum, Kommunikation und Entscheidungen wieder möglich zu machen.
Kommunikation besteht nicht nur aus Sprache
Wenn Sprechen schwierig ist, können zusätzliche Kommunikationswege wichtig werden.
- Gestik und Mimik
- Zeigen auf Gegenstände
- Schreiben oder Zeichnen
- Fotos oder Symbole
- Kommunikationstafeln
- geeignete Apps
Solche Hilfen müssen Sprache nicht ersetzen. Sie können zusätzliche Möglichkeiten schaffen, Wünsche, Gedanken und Bedürfnisse auszudrücken.
Mit dem Menschen sprechen – nicht über ihn
Wenn Antworten länger dauern, passiert es leicht, dass Angehörige oder Fachpersonen beginnen, miteinander über die betroffene Person zu sprechen.
Der Mensch mit Aphasie sollte jedoch möglichst direkt angesprochen und in Gespräche und Entscheidungen einbezogen werden.
Auch bei eingeschränkter Sprache bleibt es seine eigene Behandlung, sein eigener Alltag und sein eigenes Leben.
Verständnis überprüfen
Bei Unsicherheit kann es sinnvoll sein, kurz zusammenzufassen:
„Meinst du, dass …?“
Damit lässt sich prüfen, ob beide Gesprächspartner dasselbe verstanden haben.
Wichtig ist, nicht einfach so zu tun, als hätte man eine Aussage verstanden, wenn das nicht der Fall ist.
Welche Rolle spielt Logopädie?
Logopädische Therapie kann nach einem Schlaganfall Sprach-, Sprech- und Kommunikationsstörungen gezielt behandeln.
Welche Übungen geeignet sind, hängt von den individuell betroffenen Fähigkeiten ab.
Angehörige können die Therapie im Alltag unterstützen. Sie sollten sich jedoch von der behandelnden Logopädin oder dem behandelnden Logopäden zeigen lassen, welche Strategien und Übungen sinnvoll sind.
Fortschritte können unterschiedlich schnell erfolgen. Auch die Kommunikation im Alltag selbst ist dabei ein wichtiger Bestandteil der Teilhabe.
Plötzlich neue Sprachstörung: sofort handeln
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Alltag nach einem bereits diagnostizierten Schlaganfall.
Wenn Sprachprobleme jedoch plötzlich neu auftreten, kann dies ein Anzeichen für einen akuten Schlaganfall sein.
In diesem Fall sollte sofort der Notruf 112 gewählt werden.
Das Wichtigste
Gute Unterstützung bei Aphasie bedeutet nicht, möglichst viel für einen Menschen zu sagen.
Sie bedeutet:
- Zeit zum Antworten zu geben,
- Störgeräusche zu reduzieren,
- klar und erwachsen zu sprechen,
- weitere Kommunikationswege zuzulassen,
- Verständnis zu überprüfen,
- und den Menschen weiterhin selbst am Gespräch und an Entscheidungen zu beteiligen.
Gute Hilfe nimmt einem Menschen nicht die Worte ab. Sie unterstützt ihn dabei, wieder einen eigenen Weg zur Kommunikation zu finden.
Video zum Thema
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Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische, logopädische oder therapeutische Beratung.
Quellen
- gesund.bund.de – Aphasie und Logopädie
- gesund.bund.de – Schlaganfall
- Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe – Aphasie und Kommunikation nach Schlaganfall
